re:publica 2017 re:cap day 3

re:publica 2017 re:cap day 3

Die Zeit verging wie im Fluge. Es war einmal wieder eine gute re:publica. Mein Fazit: Noch nie waren die Inhalte so dicht am Motto. Ich fühle mich ermutigt, dem Hass im Internet etwas entgegensetzen zu können. Dazu gehört auch, zu akzeptieren, dass es da draußen viele gibt, die eine andere Meinung haben. Oder mit Jan Kalbitzer zu sprechen: „Meine Perspektive auf die Welt ist immer eingeschränkt, diese Beschränktheit muss ich anerkennen“.

Erneuern wir das Fundament der Liebe

Wie umgehen mit der eigenen Wut im Netz? Wie können wir mit mehr Liebe agieren und damit Wutsituationen vermindern? Dazu hat der Psychologe Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie drei Ideen:

  1. Andere nicht demütigen, gerade wenn man Meinungsmacht hat
  2. Erwartbar sein Wenn man einen Kanal aufmacht, muss man auch mitdiskutieren
  3. Authenitzität muss aufrichtig sein

Verschlüsselung und die Freiheit der Andersdenkenden

Ein Spannender Vortag von Emanuel Löffler über Cypherpunks und Cryptotechnologien. Eine Aussage hat mich sehr beeindruckt: „Besteht nicht einseitig auf die Aspekte Privatsphäre und Anonymität im Netz, sondern öffnet und engagiert euch dort auch für eine gute Gesellschaft“.

Politik auf der re:publica

Wunderbar zu sehen, wie politisch die re:publica ist. Die Zahl der Transparente wuchs von Tag zu Tag.

Die Kunst des Liebens

Felix Schwenzel bekennt: „Erich Fromm ist mein Held“ und beendet den inhaltlichen Teil der re:publica mit einem wunderbaren Vortrag über die Kunst des Liebens. Schaut Euch diesen und die anderen Voträge auf dem youtube-Kanal der re:publica an – es lohnt sich!

Was treibt die Macher*innen der re:publica an? Lest mehr dazu im Tagesspiegel.

Das Ende der re:publica war wie immer: wunderbar, emotional, bewegend. Bis zum nächsten Jahr: Vom 2.-4.5.2018 ist wieder re:publica-Zeit!

 

re:publica 2017 re:cap day 2

Tag 2 re:publica 2017

Nach vielen Sessions am ersten Tag bin ich heute in den Ausstellungen unterwegs. Schwerpunkt wie im letzten Jahr ist das Thema Virtuelle Realität. Im labore:tory der re:publica gab es spannende Vorträge und natürlich jede Menge VR-Filme zu sehen. Fazit: Das Thema VR geht seinen Weg und findet immer mehr Anwendungen. Was gab es sonst noch? Schaut hier:

Coral Empathy Device 

Die Installation von Kat Austen soll eine „Empathiemaschine“ sein. Zu sehen ist nichts, aber die Geräusche und Vibrationen erzeugen entsprechende Reaktionen – crazy!

Sphero

Kleine blinkende Flitzerkugeln der US-Firma Sphero, die sich mit dem Device steuern lassen. Der Clou: Jugendliche können die Teile programmieren, so dass sie z.B. eine bestimmten Parcour fahren. Grafisch sehr ansprechend und motivierend, sich mit programmieren zu beschäftigen.

I’m with the banned!

Der Kunstaktivist Stuart Sheldon engagiert sich für die Freiheit der Sprache und solidarisiert sich mit den Unterdrückten und Ausgestossenen in den USA.

Haben wir eine Chance gegen Algorithmen?

Katarzyna Szymieliwicz Mitbegründerin und Präsidentin der Stiftung Panoptykon, einer polnischen NGO zur Verteidigung der Menschenrechte in der Überwachungsgesellschaft. Sie meint:  Algorithmen und Datensammelprogramme werden von Menschen entwickelt und gesteuert. Wir sind diesen Programmen daher nicht hilflos ausgeliefert, sondern müssen sie entschlüsseln um so unsere Datensouveränität wieder zu erlangen.

Sensorjournalismus

Mit Kühen sprechen? Das geht mit Social Bots. Ab dem dem 4.9.17 könnt Ihr mit drei echten Kühen aus einem Biobetrieb, einem konventionellen Betrieb oder einem Massenbetrieb realen Kontakt aufnehmen und dann entscheiden, welcher Kuh es Eurer Meinung nach am besten geht. Gemessen werden unter anderem Daten wie die Pansenflora, dazu wird ein Messgerät in den Kuhmagen eingebracht. Supercrazy – und superspannend. Mehr dazu unter www.superkuehe.de und fb.me superkuehe . Einfach ab dem 4.9. unter Eurem Messenger „superkuehe“ eingeben und Euch dann mit der Kuh Eures Vertrauens verbinden.

 

re:publica 2017 re:cap day 1

RE:PUBLICA 2017:  LOVE OUT LOUD!

LOL, Akronym für Laughing Out Loud[1] oder auch laugh out loud,[2] (dt. laut lachen; wörtl. laut auflachen) ist ein Wort aus dem Netzjargon und wird als Reaktion auf etwas Lustiges oder Außergewöhnliches, aber auch für auslachen gebraucht.

Seit der re:publica 2017 wird LOL als Variation auch mit Love Out Loud übersetzt.

Das Motto Love out Loud zog sich von Anfang an durch den Tag. Dem Haß mit Liebe zu begegnen, Propaganda zu entlarfen und mit Fakten zu begegnen, Trolle nicht nur zu bekämpfen, sondern zu verstehen, Sexualität neu zu definieren, Framingkonzepte zu erkennen und sie zu verlassen – es gibt viele Möglichkeiten, das Netz nicht den Hassern und Manipulierern zu überlassen. „Lasst uns eine digitalte Zivilcourage entwickeln“: Das ist die Botschaft der re:publica 2017

Pressefreiheit wird unterdrückt

Zum Beispiel in Ägypten, Polen, Türkei oder Ungarn. Bewegende Inputs von Ramy Raoof, Kartarzyna Szymielewicz und Marton Gergely

Mit den Trollen ums Datenfeuer tanzen

Großartig, wie Ingo Dachwitz Sifftwitter, Hasstwitter und Trolltwitter analysiert, visualisiert und ihre Motivationen entlarft.

Politisches Framing

Elisabeth Wehling zeigt mittels neuester Forschungsergebnisse auf, was Framing ist und wie es funktioniert. Rhetorisch etwas monoton, inhaltlich aber top und unentbehrlich, will man framing verstehen.

Von Lügenmärchen und Hassreden

 Fake News und Propaganda von staatlicher Seite erleben wir in extremer Form zum Beispiel Seitens Russlands bezüglich der Annektion der Krim und des Ostens der Ukraine. Wie damit umgehen? Braucht die Eu eine gemeinsame Strategie? Wie können abgestimtme und ausgewogenen Gegenmaßnahmen aussehen? Eine spannende Diskussion mit Rebecca Harms und Matthias Spielkamp.

Wie wir lieben. Die sexuelle Revolution 2.0

Wie lieben wir im Zeitalter des Internets und der Digitalisierung? Was hat sich verändert, wo ist Veränderung möglich – und wie steht es mit unserer Offenheit für diese Veränderungen? Friedemann Karig hat sich dazu Gedanken gemacht.

Vom Reden im Netz

Sascha Lobo hat sich in seiner diesjährigen „Rede zur Lage der Nation“ nach draußen begeben, Feldforschungen im Netz gemacht und Strategien entwickelt, wie wir mit Rechten und Rechtsorientierten ins Gespräch kommen können um so Radikalisierung und Hass im Netz abbauen.

Mein Vater, das Buch, die Geschichte

Als Sanitätsoffizier im Rußlandfeldzug

75 Jahre sind vergangen, seitdem deutsche Soldaten am 22. Juni 1941 die damalige Sowjetunion überfielen. Der Feldzug ist unter dem Namen „Unternehmen Barbarossa“ in die Geschichte eingegangen. Der Vormarsch endete bereits sechs Monate später nach der „Schlacht um Moskau„.

Als Sanitätsoffizier im Rußlandfeldzug

Als Sanitäsoffizier im Rußlandfeldzug

Mein Vater

Dr. Hermann Türk erlebte diese Zeit als Sanitätsoffizier  in den vordersten Linien des Rußlandkrieges. Trotz extremer körperlicher und psychischer Belastung während des Vormarsches, schaffte er es, rund 600 Farbaufnahmen anzufertigen. Farbfilme waren zu jener Zeit noch sehr selten, schwierig zu erwerben und teuer. Außerdem galt es, die Filmrollen von der Zensur unentdeckt nach Hause zu schaffen.

Gleichzeitig schrieb er nahezu täglich ein Tagebuch. Seine Aufzeichnungen und die Bilder erschliessen den Lesenden ein realistisches Bild der Ereignisse jener Tage. Gleichzeitig nehmen sie, gleichsam im Zeitraffer, in der Zeitspanne von sechs Monaten von Juni bis Dezember 1941 den Kriegsverlauf vom Angriffsbeginn auf Russland „Hurra, jetzt wird endlich abmarschiert“ bis zur Niederlage 1945 vorweg, auch wenn der Niederlage in der „Schlacht vor Moskau“ noch verlustreiche Jahre für alle Kriegsparteien folgen sollten. Auch das Schicksal meines Vaters ist bemerkenswert, der durch seine Verwundung Anfang Dezember 1941 die „Schlacht um Moskau“ nicht mehr erleben musste und so den Krieg überlebte.

Das Buch

75 Jahre nach diesen dramatischen Ereignissen und genau 40 Jahre nach dem Tod meines Vaters sind nun eine große Auswahl der Bilder und das Tagebuch Dank des engagierten Verlegers Axel Urbanke als Buch erschienen. Auszüge des Tagesbuchs wurden bereits im Echolot-Buchprojekt „Barbarossa’41“ veröffentlicht.

Die Geschichte

Damit enden zahlreiche vorherige Veröffentlichungsversuche, die ich zusammen mit meinen Halbbrüdern unternommen hatte. Denn immer wieder gab es zuvor begeisterte Rückmeldungen von Menschen, die das Tagebuch gelesen oder die die Dias angeschaut hatten, was dazu führte, sich erneut Gedanken um eine Publikation zu machen. Es wäre schade gewesen, diesen Schatz der Öffentlichkeit vorzuenthalten. Auch weil die durch Bild und Text so eindringlich nachzuempfindene Grausamkeit des Krieges der Aussage „Nie wieder!“ eine neue Kraft verleiht.

Gleichzeitig sehe ich in die Veröffentlichung auch ein gewisses Wagnis. Denn auch wenn mein Vater, nach Aussage, die ein Freund vom ihm mir gegenüber gemacht hatte, „niemals einen Menschen erschossen hat“, so war er auch als Arzt Teil eines Angriffs- und Vernichtungskrieges. Und auch seine im Tagebuch zwangsläufig unreflektierten Emotionen sind nun in der Öffentlichkeit und damit in der Welt.

Ich nehme dieses Wagnis aber gerne auf mich, denn wie heißt es in einem Buchtitel von Elisabeth Wellendorf: „Sich erinnern ist, am Haus seiner Geschichte zu bauen“.

Das Buch ist im 24 x 28,5 cm – Großformat erschienen, hat 568 Seiten und wiegt 3,6 (!) kg. Es verfügt über 444 Fotos sowie 40 Farbkarten und kann hier für den Preis von 79.-€ zzgl. Versandkosten bestellt werden. Musterseiten sende ich auf Anfrage gerne zu.

Für die Demokratie kämpfen, aber wie?

Martin Pollack

Martin Pollack by Amrei-Marie CC BY-SA 3.0

Der Rauswurf des renommierten Publizisten, Osteuropaexperten und verdienstvollen Erinnerer an alte Kulturlandschaften, Martin Pollack aus dem aus dem polnischen Institut in Wien ist ein neuer kleiner Tropfen auf die Aushöhlung der Demokratie in Polen und der Entwicklung Polens hin zu einem autoritär-diktatorischen Staat. Gesteuert von Jarosław Kaczyński, Parteichef der Regierungspartei PiS und Strippenzieher hinter dem Präsidenten und der Premierministerin, taumelt das Land immer weiter weg von dem, was wir als Demokratie bezeichnen. Lücken in der Verfassung werden ausgenutzt, um das Verfassungsgericht als dritte Gewalt auszuschalten. Absolute Mehrheiten im Parlament werden genutzt, um, in Kombination mit einem willfähigen Präsidenten, alle vorher verabschiedeten Gesetze durchzuwinken. Der Justizminister ist gleichzeitig Oberstaatsawalt. Der Schatzminister entscheidet direkt über die Besetzung der Posten der staatlichen Medien. Parlamentsausschüsse? Fehlanzeige! Anhörung der Opposition? Fehlanzeige! Berücksichtigung von Minderheiteninteressen? Fehlanzeige!

Es dominiert eine rechtsnational-klerikale Weltsicht. Und die ist fundamentalistisch. Jeder, der nicht mit uns ist, ist gegen uns. Zu den Gegnern gehören Fahrradfahrer, Müsliesser, Atheisten, Muslime, Abtreibungsbefürworterinnen, und alle weiteren Gruppen, die nicht ins eigene Weltbild passen. Ein gefährliches Weltbild, das auch die stillschweigende Tolerierung rechtsradikaler Gruppen einschließt. Das Ganze wird dann garniert mit der Umdeutung von geschichtlichen Ereignissen zugunsten des eigenen Weltbildes. Beispiel gefällig? Bitteschön: Mit dem Gesetz zum »Schutz des guten Rufes Polens« sollen angebliche »Geschichtslügen« verboten werden, die das Ansehen Polens in der Welt schädigen könnten. Was zu den „Geschichtslügen“ gehört, ist natürlich nicht definiert und wird von Fall zu Fall von der grauen Eminenz Jarosław Kaczyński definiert.

Der größte Feind für die PiS ist der „Kommunismus“, bzw. alles was als „kommunistisch“ empfunden wird. Opposition ist „kommunistisch“, die Bürgerbewegung KOD ist „kommunistisch“, die letzten 25 (Transformations-) Jahre waren „kommunistisch“. Das Groteske: Die PiS ahmt in ihrem Verhalten genau das nach, was sie in Form „Der Kommunisten“ bekämpft. Sie ist kommunistischer, als die Kommunisten. Also, die Volksrepublik Polen relodet. So ist der Plan. Einfach die Uhr zurück stellen. Auf Start, als ob es die Revolution der Solidarność nie gegeben hätte. Sozusagen die Revolution der Revolution. Absurd, wenn ich bedenke, dass die PiS nur von 19 % aller Wahlberechtigten gewählt wurde. Aber so ist es mit der Demoktratie. Nicht nur in Polen. Auch im Europäischen Parlament, in dem eine Menge Abgeordnete sitzen, die für die Abschaffung der EU eintreten. Ein Paradoxum, aber es existiert.

Martin Pollack meint:

Was in Polen passiert, betrifft uns alle

Er hat Recht. Der Krieg Putins in der Ukraine, Ungarns Zaunbau und Schießbefehl, Kaczyńskis Abschaffung der Demokratie, das sind reale Ereignisse, Tatsachen, die bereits eingetreten sind.

Die antidemokratische Programmatik der AfD, die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich und Der USA, das sind zukünftige Ereignisse, die, je nach Ergebnis, die Demokratie zusätzlich zurückdrängen.

Was aber ist zu tun? Wie können wir die Demokratie verteidigen, die Demokratie zurückerobern? Ich sehe wenig Aktivität, dagegen viel Lethargie, Ratlosigkeit und Hilflosigkeit.

Polen interessiert die meisten Deutschen nur am Rande. Doch der Dominoeffekt hat bereits begonnen: Russland, Ungarn, Polen. Weitere Kandidaten können folgen.

Wie als Demokrat für die Demokratie kämpfen, ohne Gewalt anzuwenden? Das wird schwierig. Weil dieser Widerspruch nicht aufzulösen ist. „Wenn wir die Methoden der Nicht-Demokraten anwenden, sind wir nicht besser als sie“ heißt es. Diesem Argument habe ich bis jetzt noch nichts entgegensetzen können. Ich verstehe jetzt besser, dass es den Nationalsozialisten 1933 gelang, die totale Herrschaft über nahezu alle Lebensbereiche zu erlangen. Ein direkter Vergleich mag nicht angemessen sein, ein Vergleich der Mechanismen, die hinter Demokratieabschaffungsprozessen liegen, schon. Die Erkenntnisse lehren: „Wehret den Anfängen“. Aber was ist mit dem Ländern, in denen die Anfangsphase bereits vorbei ist? Im 3. Reich blieb nur Anpassung, Emigration, Untergrund, Vernichtung.

Was haben wir im Europa des 21. Jahrhundes für Alternativen?

Der Appell für ein demokratisches Polen

Solidarność Gdańsk

Europäisches Zentrum der Solidarność in Gdańsk

Am 25. April 2016 veröffentlichten drei Ex-Präsidenten Polen sowie führende Politiker der Solidarność einen dramatischen Appell für Rechtstaatlichkeit und ein demokratisches Polen.

Es steht nicht gut um diese beiden Grundpfeiler des Landes. Nach den in meinem vorherigen Artikel beschriebenen Maßnahmen ist das Land verfassungsrechtlich paralysiert, die Gewaltenteilung wird Schritt für Schritt aufgehoben. Allmählich wird immer mehr Menschen klar, auf was sie sich mit der Wahl der PiS eingelassen haben.

Was die Vorgängerregierung nicht geschafft hat, muss nun nachgeholt werden: Die Entwicklung einer Zivilgesellschaft, die für ihre Freiheit und Werte aktiv eintritt und ein demokratisches Miteinander täglich praktiziert. Nur dann wird es möglich sein, der PiS die Macht zu entreissen.

Der Appell wurde auf polnisch und in Englisch veröffentlicht. Ich habe den Text ins Deutsche übersetzt:

Wir werden den demokratischen Rechtsstaat wieder herstellen

Die kommenden Monate werden für das Schicksal der Rechtsstaatlichkeit und der Demokratie in Polen entscheidend sein.

Die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) wird bestimmt nicht von ihrem Weg zur Zerstörung der Verfassungsordnung und der Lähmung des Verfassungsgerichts sowie der gesamten Justiz abweichen. Das Parlament arbeitet unter dem Diktat einer marginalen Mehrheit, welche die Interessen der Minderheiten außer Acht lässt. Drakonische legislative Vorschläge werden vorangetrieben, so wie ein absolutes Verbot der Beendigung von Schwangerschaften. Die Regierung eskaliert soziale Konflikte und Spaltungen.

Die Herrscher über das Land haben sich für die Konfrontation mit der euro-atlantischen Gemeinschaft entschieden. Der aktuelle Streit über das Verfassungsgericht trägt das Risiko in sich, dass Polens Rechte als Mitglied der Europäischen Union begrenzt werden. Anti-europäische sowie ausländerfeindliche Äußerungen und Handlungen der Regierungspartei untergraben den Zusammenhalt der EU, zu Gunsten der Interessen eines imperialistischen Russlands. Aus einem einst vertrauenswürdigen und geschätzten Partner in der EU und in der NATO wird unser Land zu einem „Sonderfall“. Das Fundament unserer Sicherheit und der wirtschaftlichen Entwicklung steht unter Druck.

Polen befindet sich auf dem Weg hin zu Autokratie und der Isolation von der Welt.

Die volle Mobilisierung der gesamten Gesellschaft sowie der Oppositionskreise und die Formulierung eines gemeinsamen Programms der Zusammenarbeit für die Verteidigung der Demokratie sind zwingend notwendig, um dieses Abdriften zu stoppen.

  1. Wir appellieren an alle Pol*innen, der Verfassungsordnung in ihrer täglichen Arbeit und in ihren Aktivitäten zu folgen. Der Versuch der PiS, sich eine eigene Rechtsordnung zu schaffen, ist eine Usurpation der Macht. Wir rufen die Politiker der Regierungskoalition, denen die Herrschaft des Rechts und der Demokratie am Herzen liegt, auf, sich zu verweigern, an deren Zerstörung teilzunehmen. Wir weisen darauf hin, dass diejenigen, die die Verfassung verletzen, dafür verantwortlich gemacht werden.
  1. Wir drücken unsere Wertschätzung und unseren Respekt für die verantwortungsvolle und würdige Haltung der Richter des Verfassungsgerichts und anderer Gerichte, die Vertreter der Rechtsberufe und der Rechtsabteilungen der Universitäten aus. Richter, Staatsanwälte und alle Vertreter der Rechtsberufe müssen einen besonderen Schutz vor den Folgen illegaler Aktionen der Behörden erfahren.
  1. Die parlamentarische Opposition darf dem Druck der Regierenden nicht unterliegen. Grundsätzliche Fragen können nicht verhandelbar sein, insbesondere die Verpflichtung der Regierung, Entscheidungen des Verfassungsgerichts zu veröffentlichen, die Vereidigung der drei vom Parlament der Vorgängerregierung gewählten Verfassungsrichter vorzunehmen sowie die Novellierung der Verfassung mit dem Ziel, die Besetzung des derzeitigen Verfassungsgerichts zu ändern.

Wir appellieren an alle Oppositionspolitiker, miteinander für die Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten zu kooperieren.

  1. Wir bringen unsere Wertschätzung für das „Kommitee für die Verteidigung der Demokratie (KOD)“ entgegen, welches das Zentrum der Koordination des zivilen Widerstands geworden ist. Die massenhafte Teilnahme der Polen an den von KOD organisierten Demonstrationen, zeigt die soziale Notwendigkeit für dessen Aktionen. Um seine Mission erfolgreich zu erfüllen, sollte KOD eine Basisorganisation bleiben, die sich nicht in parteilicher Rivalität engagiert.
  1. Wir drücken der euro-atlantischen Gemeinschaft und der Europäischen Union für ihr Engagement in Bezug auf den Schutz der Rechtsstaatlichkeit und der Demokratie in unserem Land unsere Wertschätzung aus. Jegliche Diskussionen, Beschlüsse, Meinungen und Empfehlungen stellen keine „Einmischung innere Angelegenheiten Polens dar“, sondern sind Ausdruck einer berechtigten Sorge um den Zustand unseres Landes und die Rechte seiner Bürger. Wir bitten um Ausdauer in der gemeinsamen Sorge für die uns verbindenden Werte.
  • Lech Wałęsa, Präsident Polens 1990-1995
  • Aleksander Kwaśniewski, Präsident Polens 1995-2005
  • Bronisław Komorowski, Präsident Polens 2010-2015
  • Włodzimierz Cimoszewicz, Premierminister Polens 1996-1997; Minister für auswärtige Angelegenheiten Polens 2001-2005
  • Andrzej Olechowski, Minister für auswärtige Angelegenheiten Polens 1993-1995
  • Radosław Sikorski, Außenminister Polens 2007-2014
  • Ryszard Bugaj, Aktivist und Experte der Gewerkschaft „Solidarität“, interniert
  • Władysław Frasyniuk, Vorsitzender der Gewerkschaft „Solidarität“, politische Gefangene
  • Bogdan Lis, Vorsitzender der Gewerkschaft „Solidarität“, politischer Gefangener
  • Jerzy Stępień, Vorsitzender der Gewerkschaft „Solidarität“, interniert, Präsident des Verfassungsgerichts von 2006 bis 2008

Die Unterzeichner dieses Aufrufs unterscheiden sich in ihren Ansichten über viele Probleme Polens, aber wir sind durch den gemeinsamen Glauben verbunden, dass die notwendige Vorbedingung für jede rationale Änderungen die Aufrechterhaltung der Demokratie in Polen ist.

Hier gibt es die Dokumente zum Nachlesen im Original und in englischer Sprache:

Appell polnisch   Appell englisch   

re:publica ten – re:cap day 3

Tag 3 der Gesellschaftskonferenz re:publica hat eine ganz andere Energie. Mir wird bewußt, daß am Abend die re:publica vorbei ist. Die Zeit läuft auf einmal weg und ich möchte noch so viel wie möglich mitnehmen:

Abendessen bei den Müller’s 2018

2016-05-04 14.44.58Das Bild ist mein re:publica- Bild für dieses Jahr. Die VR-Brillen rocken und ich bin sehr gespannt, was uns in diesem Bereich in den nächsten Jahren erwarten wird.

Hacking Humanitarian Aid

2016-05-04 10.35.08

Sam Bloch, Gründer und CEO von Communitere machte den Auftakt mit einem neuen Ansatz in der humanitären Hilfe. Dieser unterscheidet sich radikal vom bisherigen Ansatz klassischer humanitärer Hilfe (so sagt er es). Bloch propagiert einen viel aktiveren Ansatz, bei dem die Betroffenen selber an Lösungen arbeiten. So richtet die Organisation Co-working Räume vor Ort ein, in denen die Betroffenen gemeinsam mit der Organisation unter Einsatz von neuen Technologien arbeiten. Ein spannender Ansatz, wobei auch Organisationen wie die Diakonie Katasatrophenhilfe bereits seit langem darauf setzen, nicht selbst vor Ort operativ tätig zu sein, sondern auf die Initiative lokaler Organisationen zu reagieren und den lokalen Bedürfnissen Priorität einzuräumen.

Eine Bahnfahrt die ist lustig…

2016-05-04 13.17.15„Mit open Data die Travel Hacks der Zukunft gestalten“ hiess eine Session der Deutschen Bahn, die shr prominent vertreten war. Ich bin in diesen Vortrag „aus Versehen“ hineingerutscht, fand den DB-Ansatz aber sehr spannend, ihre Datenbestrände zu öffnen und Hacker einzuladen, diese zu bearbeiten. Heraus kommen dann Projekte wie die Geovermessung der über 4.000 Bahnhöfe in Deutschland, ein Unterfangen, welches ohne die Mithilfe der User nicht möglich gewesen wäre. Oder auch die Zusammenarbeit mit Start-ups, die die Datenbestände der Deutschen Bahn nutzen, um neue Angebote zu entwickeln, z.B. Naturtrip. Wie auf Nachfrage zugesichert wurde, ist das Open Data Thema bei der Bahn gesetzt und soll auf lange Sicht weiter verfolgt werden. Es lohnt sich also, einmal Einsicht zu nehmen, und die offene Themen-/Datenliste zu studieren.

Landwirtschaft 4.0

2016-05-04 15.30.05

Wirklich cool war der Auftritt von Daniel Werner. Mit Witz und hoher Begeisterung zum Thema entführte uns Daniel zum aktuellen Stand der Dinge beim Einsatz von digitalisierten Gerät, Dünger und Maschinen, z.B. die satellitengestützte Zonierung. Dabei werden die Satellitenbilder aus mehreren Jahren miteinander zu Managementzonenkarten verrechnet. Der Saal war voll und das Publikuzm begeistert. Daniel, kommt nächstes Mal bitte wieder und erzähl uns etwas zum Thema Feldroboter!

Das Ende naht

2016-05-04 16.18.27Je später der Tag, desto mehr wurde ich daran erinnert, dass das Ende der re:publica nahte. Einige Sessions nahm ich noch wahr, z.B. die „Neo-Tribes“ von Alexa Clay (mir zu abgehoben und esoterisch), „Klassenkampf der Roboter“ von Mads Pankow (wir können beruhigt sein, Roboter übernehmen bis auf Weiteres nicht die Herrschaft über uns, unsere Arbeit wird sich aber radikal ändern), „Blockchain und die Zukunft von Regierungenssystemen“ mit Shermin Voshmgit (Blockchain war eines DER Themen auf der rp, mehr dazu hier: Blockchain Info) oder das „Techniktagebuch“, in dem mehrere Protagonisten ihre Erfahrungen mit den dysfunktionalsten Technikseiten im Internet machen (z.B. Kathrin Passig mit dem WLAN-t-go der Telekom, great!).

Das Ende ist da

2016-05-04 19.16.59Das Gruppenbild mit Helfer*innen, die Bohemian Rhapsody und Glitzerknallkonfetti kündigen das Ende der Veranstaltung an. Ein Höhepunkt, gleichzeitig aber auch Gewissheit, das die #rpten zu Ende ist. Ich konnte wieder viel mitnehmen. Für mich ist die re:publica DIE Konferenz, um den Stand der Gesellschaft digital, gleichzeitig aber auch analog, zu reflektieren. Auf ein Neues, bei der #rp17/#rpeleven.

2016-05-04 16.20.35

re:publica ten – re:cap day 2

Der zweite Tag der re:publica ist für mich immer etwas schwierig. Eine gewisse Ermattung stellt sich ein, Erschöpfung vom Tag 1. Daher lasse ich es etwas langsamer angehen und ziehe mir erst einmal eine Prise Gunter Dueck rein.

„Cargo-Kulte, was ist das denn?“

2016-05-03 10.03.49Mit dem Begriff Cargo-Kult geisselt Dueck die Unsitte, Trivales zu erforschen und daraus eine Wissenschaft zu machen = Trash. Die daraus gefundenen Korrelationen werden dann als Kausalitäten verkauft. Heraus kommt dann Aktionismus, der zu allem gut ist, nicht aber, die eigentlichen Dinge anzupacken. Sein Appell: „Wir müssen uns endlich einmal mit den Problemen auseinandersetzen und nicht nur darüber schwallen!“. Er haut damit in die Kerbe, die auch Sascha Lobo geschlagen hat, um dazu aufzurufen, selber aktiv zu werden.

„Erwachsene Pubertierende“

2016-05-03 12.43.38Friedemann Karig konstatiert:Wir sind von den Empörungswellen überfordert. Aber ohne Unruhe können wir die Welt nicht verändern. Wir müssen also unsere digitale Pubertät überwinden und erwachsen werden. Wie :

1) Digitaler Frieden/Freie Technologie sind unabdingbar 2)Emotionale Reife: durch was lassen wir uns berühren, wo grenzen wir uns ab? Zu was verhalten wir uns, zu was nicht? 3) Nutzen wir das einmalige Privileg, als Erwachsene pubertär zu sein und daraus aktiv herauszuwachsen.

VR – die Virtuelle Realität

2016-05-03 22.36.26

Nachmittags machte ich mich dann mit Jörg Reschke auf in das labore:tory, um die Welten der virtuellen Realität zu entdecken. In den RTäumen des ehemaligen Kühlhauses gab es viel zu etndecken, start-ups, Theatermenschen, Healthlösungen.

Tipp: Ein neues soziales Netzwerk ist Y.A.N.A. (You are not alone). Die App gibt’s gratis im App Store.

Was Hass mit Muslim*innen macht

2016-05-03 13.13.13Weniger technisch, dafür sehr emotional war die Session von Kübra Gümüsay zu Thema „Organisierte Liebe“. Unter Tränen brachte Sie zum Ausdruck, wie Hass ihr die Leichtigkeit genommen hat, wie er hart macht und abstumpft. Wie schlimm muss es sein, als Muslim unter permanenten Generalverdacht zu stehen? Was wir dagegen tun können, sagte Kübra auch: Informieren, aufklären und Empathie zeigen! Der Lohn für Ihren Einsatz: Standing ovations von mehreren hundert Zuschauenden. Schaut Euch die halbstündige Session unbedingt in den re:publica-Aufzeichnungen an.

re:publica ten – re:cap day 1

Endlich: Das Warten hat ein Ende, es ist wieder re:publica! Und bei aller Vorfreude schwingt immer der Gedanke mit: wie wird es diesmal? Kann die Konferenz noch inspirieren, oder ist sie nur noch eine vereinahmte Bühne von Medienwelt und Möchtegern-Internetfirmen? Meine Auflösung zu dieser Frage gibt’s beim re:cap zu Tag 3.

Hier aber erst einmal meine re:publica-Splitter zu Tag 1:

„Die re:publica ist größer geworden!“

2016-05-02 15.18.58Ja, auf jeden Fall. 8.000 Anmeldungen sollen es sein, darunter 4.000, die zum ersten Mal auf der re:publica sind. 3.000 Besucher*innen aus 2015 sind also nicht wieder da.

„TEN – NET“

2016-05-02 09.56.45Ich kann nur sagen: „sylo, stylo“. Die re:publica hält sich und uns im wahrsten Sinne des Wortes den Spiegel vor. Es glizert und blinkt an jeder Stelle, die Optik ist aufgeräumt, silbrig schwarz und sehr klar.

„Freedom of speech doesn’t mean anything if you don’t have the space of confidence“2016-05-02 14.12.51Snowden beeindruckte mich, ich saß ihm quasi gegenüber. Er ist ein Phänomen und starkes Symbol für das Thema Privatsphäre. Deutschland hat er mehrmals erwähnt, als Land, welches ihm kein Asyl gewählt. Schade, Snowden in Berlin, das hätte was!

„Von der Kunst, Musik auf Papier zu machen“

2016-05-02 15.25.04

Kate Stone verzauberte in ihrer Session – mich auf jeden Fall. Die Begeisterung, mit der sie ihr Projekt vorstelle, steckte mich an. Keine Ahnung, wie das technisch geht, aber Musik auf Papierbasis zu machen, ist stark. Kann auch eingesetzt werden, um Flüchtlingen die deutsche Sprache beizubringen: Sie drücken auf ein Bild, z.B. eine Zitrone, und eine Stimme spricht den Namen auf deutsch aus.

„Von der Kunst, Musik mit Bewegungen zu machen“

2016-05-02 19.02.27

Matan Berkowitz beeindruckte mit seiner Technik, Menschen zu ermöglichen, mittels körperlicher Regungen wie Herzschlag (!) oder Fingerimpulsen Musik zu machen. Ein Ergebnis seht Ihr im Video: stark!

„Trotzdem optimistisch bleiben“

2016-05-02 20.04.17

Sascha Lobo war nach einem Jahr wieder da. Die Pause war gut, führte sie doch dazu, daß Sascha Zeit hatte, darüber nachzudenken, wie wir die digitale Zukunft optimistischer angehen könnten. Heraus kamen zwei Dinge: „TROTZDEM“, als trotz negativer Vorzeichen nicht zu resignieren, sondern weiterzumachen. Und: unternehmerisch Handeln, um Gestalter der Gesellschaft zu werden, nicht nur Aktivist. In diesem Sinne ist das doch der entscheidende Schritt zum Erwachsenwerden!

Viel gäbe es noch zu sagen: Es lohnt sich, Agnieszka Walorska und Tom Hillenbrand in den Aufzeichnungen anzuschauen – und natürlich die vielen anderen Speaker*innen, die ich nicht am day 1 nicht verfolgen konnte.

Während der Konferenz twittere ich für das Fundraiser-Magazin.

Watch out re:publica – Polen und die Überwachung des Internets!



In Polen ist die Freiheit des Internets nach dem Machtantritt der PiS bedroht.

Ich möchte Euch auf einen Prozeß aufmerksam machen, der sich derzeit in unserem Nachbarland Polen abspielt. Sicher wißt ihr, daß die letzen Wahlen sowohl einen Staatspräsidenten, als auch eine Premierministerin hervorgebracht hat, die aus der gleichen Partei kommen, der rechtskonservativen PiS.

Beide Vertreter sind vom Parteichef Jarosław Kaczyński installiert, der hinter den Kulissen agiert. Kaczyński kommt aus der Bewegung Solidarność, die den Untergang des Kommunismus 1989 eingeleitet hat. Dabei hatte er aber nie eine führende Rolle gespielt, im Gegensatz zu Lech Wałesa, dem er dessen Erfolg bis heute neidet. So versucht Kaczyński, die Geschichte gewaltsam umzuschreiben-um sich zum wahren Sieger über die Kommunisten 1989 zu erklären. Dazu kommt, dass er den Tod seines Bruders bei einem Flugzeugabsturz vor zehn Jahren nicht verwunden hat. Das Unglück instrumentalisiert er  politisch gegen die Opposition und mißbraucht das Gedenken der Opfer des Flugunglücks politisch.

Die neue Regierung begann, unmittelbar nach der Vereidigung  im November 2015, Kaczyńskis Vorstellungen von einem autoritären Staat, nach dem Vorbild Ungarns, umzusetzen: Zuerst wurden in nächtlichen Sitzungen des Parlaments Gesetze verabschiedet, in deren Folge das Verfassungsgericht Polens paralysiert ist. Weitere schwerwiegende Eingriffe in die Demokratie stellen zum einen das neue Mediengesetz dar, mit dessen Hilfe die Gremien der öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunksender abgeschafft wurden. Nun entscheidet der Schatzminister (!) direkt über die Geschäftsleitung und Entlassung/Anstellung von Redakteuren – also eine wunderbare Steilvorlage, um die öffentlich-rechtlichen Sender zum Sprachrohr der Regierung umzufunktionieren, was in der Tat inzwischen schon Realität geworden ist.

Zum anderen sorgt das neue Polizeigesetz dafür, daß eine Überwachung („inwigilacja“) ohne richterliche Anordnung möglich ist, und das für einen Zeitraum von bis zu 18 Monaten. Hier mehr dazu. Der oder die Überwachte erfährt davon in Zukunft nichts mehr. Die neuen Regelungen gelten für Metadaten von „EDV-Datenträger, Telekommunikationsendgeräte und EDV- und Telekommunikationssysteme.“ Überwacht werden können Telekommunikationsdaten wie Handynummer, Mobilfunkverbindungen, Standort und IP-Adresse. Polizei bzw. Geheimdienste müssen dem regional zuständigen Gericht jedes halbe Jahr einen Bericht vorlegen. Die Namen von Kontakten eines überwachten Bürgers dürfen auch gesammelt werden. Das Berufsgeheimnis von Journalisten, Ärzten oder Anwälten ist aufgehoben.
Verschärfend kommt hinzu, daß der Justizminister per Gesetz auch Vorgesetzter der Staatsanwälte ist. Damit hat er ein direktes Zugriffsrecht auf die Gerichte und kann nach Gutdünken auch politisch mißliebige Kontrahenten überwachen lassen.
Ein Vorfall ereignete sich unlängst, als die Poizei in die Wohnung eines Jugendlichen eindrang und seinen Computer beschlagnahmte. Der Jugendliche hatte zuvor ein Video auf sein Facebookprofil hochgeladen, welches den Staatspräsidenten Andrzej Duda (der ebenfalls aus der PiS kommt) satirisch darstellt.

Widerstand

Der gesellschaftliche Widerstand hat sich schnell formiert. Neben alten und neuen Oppositionsparteien gibt es KOD (komitet obrony demokracji), das „Komitee zur Verteidigung der Demokratie“, welches sich als überparteilich bezeichnet und vor allem eine Plattform sein will, die ein demokratisches Verständnis vermittelt und Widerstand gegen die Brechung demokratischer Gepflogenheiten durch die PiS leistet. Das geschieht durch Manifestationen auf der Straße, aber auch durch Vernetzung im Internet: 212.000 Personen folgen der KOD-Seite bei Facebook bis heute, es gibt eine Gruppe für die im Ausland lebenden Polen, und, je nach Aktivität, Gruppen in einzelnen Ländern, so auch für Deutschland. Diese Gruppen sind geschlossen. Neue Mitglieder werden nur nach gründlicher Recherche zugelassen, um dem Problem der Trollbildung zu begegnen. Für weitere Informationen ist der englischsprachige Twitterkanal von KOD empfehlenswert.
Wortführer von KOD ist Mateusz Kijowski, ein Informatiker, der sehr ausgewogen agiert. So fordert er einen neuen runden Tisch, an dem alle gesellschaftlichen Gruppen sitzen sollen, um gemeinsam die strukturellen Problem in Polen zu lösen. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg.
Grundsätzlich werden Bewegungen, die sich gegen die Regierungspartei PiS stellen, von, teilweise bezahlten, Trollen im Internet angegriffen (diese Erfahrung habe ich selber auch gemacht). Diese Tatsache und die neuen Abhörmaßnahmen führen dazu, daß sich Regierungskritiker in Polen sehr intensiv mit den Möglichkeiten auseinandersetzen, der Überwachung Grenzen zu setzen und sich sicher zu vernetzen.

Deswegen


Die
Regierungskritiker in Polen bedürfen unserer Solidarität. Es kann nicht sein, daß ein Land der EU Andersdenkende systematisch ausschließt und zu Bürgern zweiter Klasse erklärt. Das widerspricht einem Europa, welches sich für die Freiheitsrechte des Einzelnen einsetzt und welches Digitalisierung nicht mit dem Verlust von Grundrechten gleichsetzt. Nur gemeinsam können wir erfolgreich die europäische (digitale) Demokratie weiterentwickeln.